Geschichten von Jannik Janson

Einleitung.


Jannik Janson ist ein buckliger alter Troll, mit einer kleinen knolligen Trollnase, hellblauen Kulleraugen und zotteligen, langen grauen Haaren. Seitdem er auf die Welt gekommen ist, lebt er in Norwegen. Sein Gesicht ist von tiefen Falten zerfurcht und seine Haut ist fast so rau und knorrig, wie die Rinde der Eiche von Mollestad. Das Alter dieser Eiche wird auf sagenhafte 1000 bis 1100 Jahre geschätzt, und damit reicht sie fast an das Alter von Jannik Janson heran. Die Krone besteht aus 6 mächtigen Ästen und bedeckt eine Fläche von 200 Quadratmetern. Der uralte Troll weiß, dass sich an solch dicken alten Bäumen unzählige Sagen knüpfen. Geschichten von Kobolden und Geistern aus längst vergangenen Tagen, an die sich kaum noch jemand erinnert, und die für den Menschen von heute keine Bedeutung mehr haben. Demnach, so denkt Jannik von Zeit zu Zeit, muss auch ich nicht mehr als eine Sage oder eine Geschichte sein. Ein Geist aus längst vergangenen Tagen von dem niemand etwas weiß, weil niemand etwas von ihm wissen will. Nun gut, er muss zugeben, dass es seit ungefähr 600 Jahren auf eine gewisse Art von Gegenseitigkeit beruht. Denn Jannik Janson hat sich seit dem 14. Jahrhundert von den Menschen zurückgezogen, weil er nichts mehr von Niederlagen, Fremdherrschaften, Kulturverlust, Pest und Feuersbrunst, dynastisches Heiraten mal hier und mal da, Verpfändungen, Reformation, Politik, Kriege, Könige, Wirtschaft, Kapitalismus, … und so weiter und so fort… wissen will.

 

Doch hat auch ein Troll nebst seinen schützend gemeinen, bissigen, spöttischen und menschenfeindlichen Eigenschaften tief in seinem Trollherzen einen weichen, zarten und liebevollen Kern, der sich wieder danach sehnt unter Seinesgleichen zu sein. Tatsächlich hat er seit seinem Rückzug auch keinen einzigen Troll mehr gesehen. Warum? Diese Frage hat er sich selbst schon oft genug gestellt. Aber so sehr er sich auch anstrengt, er vermag keine vernünftige Antwort darauf zu finden. Manchmal kann er der Versuchung nicht widerstehen und trottet als ein verkleidetes kleines, graues Männlein in die Städte und Dörfer, um heimlich einen Blick in die unzähligen Souvenirläden zu werfen. In einem Geschäft in Tromsø entdeckte Jannik Janson eines Tages Trollfiguren, Flaschenöffner, Postkarten, T-Shirts und Pullover, Ketten und Armbänder, Zeichenblöcke, Märchenbücher, Schlüsselanhänger, Kaffeebecher, Türschilder und sogar eine hübsche Unterhose mit vielen Trollfiguren und roten Herzen. Nachdem ihn der Anblick zunächst etwas traurig machte, schoss ihm plötzlich die blanke Wut in die Adern und so ging er geradewegs in den Laden hinein und stibitzte sich die Unterhose, als die Geschäftsführerin schon wieder einmal damit beschäftigt war, in ihr Smartphone zu starren. Die Unterhose passte sogleich wie angegossen und obschon diese Tat nun auch schonwieder mehr als ein Jahr zurückliegt, trägt er die Hose immer noch. Und zwar Tag für Tag. Jannik Janson kann sich nicht von ihr trennen, denn sein Leben ist furchtbar einsam geworden, so ganz ohne Trollfreunde, Trollfamilien und Trollfeiern.

 



Nun gut es gab auch genug Scharmützel und Streitigkeiten, und Jannik Janson weiß nicht mehr wie viele Trolle sich untereinander völlig umsonst die Schädel eingeschlagen haben. Aber was würde er nicht alles dafür geben, wenn er noch einmal einen anderen, echten, lebendigen Troll zu Gesicht bekäme! Bei der Vorstellung wird es ihm immer ganz warm und weit ums Herz, und wie schon so oft flüstert ihm seine innere Stimme: Geh, mach dich endlich auf den Weg und begib dich auf die Suche! Doch der Troll schüttelt den Kopf und antwortet sich selbst mit absoluter Bestimmtheit: Nein! Doch nicht auf meine alten Tage! Was soll ich denn da draußen, in der modernen Welt mit all der Technik? Und dann noch diese Hetzerei und Unbequemlichkeit? Wo ich es doch hier, mitten im Wald in meiner Hütte so schön warm und gemütlich habe...

 

Fast musste er bei der absurden Vorstellung schmunzeln: ER, uralt und bucklig, auf Wanderschaft, kreuz und quer durch Norwegen, nur um endlich eine Antwort zu finden. Ein Moment der Stille verstrich, dann wurde die innere Stimme plötzlich so laut, dass er sie niemals hätte überhören können: DU ALTER STINKFAULER SACK! HOL ENDLICH DEINEN MUT HERVOR UND MACH DICH AUF DEN WEG UM ETWAS NEUES ZU FINDEN! DEINE WAHRHEIT, DEIN WEG ZU DIR UND DEINESGLEICHEN!

 

Jannik Janson beginnt zu zittern und zu schwitzen. Für einen Moment wollen sich Angst und Panik breitmachen, doch so schnell will er sich von seiner inneren Stimme nicht überreden lassen.

Also sowas aber auch! bringt er schließlich beleidigt hervor. Was sollen denn diese Beschimpfungen? Alt lasse ich mir ja noch gefallen aber stinkfauler Sack? Das ist aber ganz schön gemein von dir! Und überhaupt- wo soll ich mit der Suche beginnen? Ach- Was weißt du denn schon?

 

Die innere Stimme antwortet ihm prompt: ALLES! ICH WEISS ALLES ÜBER DICH! ICH BIN DU UND DU BIST ICH! Ich dachte das wäre nach über 1300 Jahren klar! Wie mich das anödet mit dir! Langweilig! Zweifeln hier, jammern da, verstecken und lügen…als ob ich nicht dahinterkommen würde, du alter Torfkopf!

 

Hahaha! Alter Torfkopf! Jannik Janson lacht. Er lacht über sich selbst und entgegnet etwas sanftmütiger: Ja, ja. Schon klar. Ich habe verstanden. Vielen Dank auch! Aber du hast mir noch immer nicht gesagt, wo ich mit meiner Suche beginnen soll! Der Troll kratzt sich so gut es geht mit der rechten Hand den Buckel, dann antwortet die innere Stimme voller Enthusiasmus: Bei Harald!

 

Bei welchem Harald? fragt der Troll.

Schönhaar! antwortet die innere Stimme.

 

Du bist ja eine ganz tolle innere Stimme… oder nein warte mal- bist du doch nicht! Und obendrein auch noch ein bisschen senil! Harald Schönhaar lebt doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Also was soll das Ganze überhaupt?

 

Die innere Stimme gibt nicht auf und wiederholt: Doch! Du musst dich endlich auf Wanderschaft begeben und an jene Orte zurückreisen, wo unsere Geschichte begann. Und du erzählst sie dann genauso, wie du, ähm... nein wir, sie erlebt haben. Und mit Harald Schönhaar beginnst du.

Hmmmm… Jannik Janson denkt nach und tippt sich dabei mit dem Zeigefinger auf die Nase. Schließlich fragt er: Und wem? Wem soll ich meine oder unsere Geschichten erzählen?

 

Und die innere Stimme antwortet schnippisch: Ach- du wirst schon irgendjemanden der gerade nichts Besseres zu tun hat finden!

 

Jannik Janson knurrt ganz leise. Ein Anzeichen von tiefstem Misstrauen und Unwohlsein. Er wiederholt, was die innere Stimme gesagt hat: Na gut, fassen wir das Ganze noch einmal zusammen: Ich, Jannik Janson, ein alter stinkfauler Sack, soll meinen Mut hervorholen und mich auf den Weg zu etwas Neuen begeben. Etwas, das zu mir und meinesgleichen zurückführt. Weil ich alter Torfkopf dich mittlerweile mit meinen Zweifeln und Jammern, sowie dem Verstecken und Belügen langweile. Ich soll mich auf Wanderschaft begeben. Zurück an jene Orte wo unsere Geschichte begann. Allen voran zu Harald Schönhaar, der schon lange nicht mehr lebt. Und bei all dem, werde ich schon irgendjemanden finden, der gerade nichts Besseres zu tun hat und mir zuhört.

 

Die innere Stimme ist nach wie vor begeistert und ruft: Ja! Ja! Ja! Genau so machen wir das! Und du wirst sehen, dass ich wie immer Recht habe. Jetzt, nachdem du endlich einmal auf mich hörst!

 

Jannik Janson seufzt, dann nickt er entschlossen. Na gut, meint er, ich packe morgen und bereite alles Notwendige vor.

 

 

G.W. 2017

 

 


Zurück zu Harald Schönhaar

Der Aufbruch

Beginn der Geschichten.



An diesem besonderen Morgen hätte Jannik Jansons Gesichtsausdruck der Beschaffenheit seines Heimatlandes nicht ähnlicher sein können. Trotzig, sommerbleich und hartgesotten, die Falten wie eine zerklüftete Küste mit tief einschneidenden Fjorden. Während er noch in seinem gemütlichen Bettchen in seiner Trollstube lag, blickte er mit seinen hellblauen Kulleraugen aus einem kleinen Kastenfenster in den sommerlichen Garten, um den er sich stets äußerst liebe- und hingabevoll gekümmert hatte. Nicht auf die Art und Weise wie Menschen es praktizieren- Nein Nein. Ein Troll schneidet in seinem Garten weder hochgewachsenes Gras ab, noch kürzt er Unkraut oder Dornen, welche ohnehin nach kurzer Zeit erneut auf der Bildfläche erscheinen würden. Stattdessen freundete er sich mit allem an, was ihm in gewisser Hinsicht gar nicht so unähnlich war. Sprich, genauso beständig, lästig und kaum zu vertreiben, weil der Wurzelstock viel zu weitläufig und tief in die Erde reicht. So hatte er jede Ecke in seinem Garten genau kennen gelernt, und mit allem was dort wächst und gedeiht Verbindung aufgenommen. Zu seiner absoluten Lieblingspflanze zählte die Acker-Kratzdistel. Aber auch viele andere Blumen und Pflanzen wucherten je nach Jahreszeit besonders ausladend und prächtig.

 

Trotz der nördlichen Lage hat Norwegen an der Süd-Westküste ein vergleichsweise mildes Klima, und der Golfstrom sorgt Ganzjährig nicht nur für ziemlich milde Temperaturen an Land, sondern auch für eisfreie Gewässer an der Küste. Mitunter einer von vielen Gründen, weshalb der Troll in diese Gefielde umgezogen war. Das skandinavische Gebirge trennt das milde Küstenklima vom Rest Norwegens. An dem Gebirge regnen sich auch alle Regenwolken ab, die vom Atlantik mit Westwinden herangeweht werden. Deshalb fällt an der Süd-Westküste Norwegens sehr viel Niederschlag. Doch an eben diesem Sommermorgen regnete es nicht, und das sollte auch in den nächsten Tagen noch so bleiben. Die innere Stimme drängte Jannik Janson endlich aufzustehen. Nun mach schon, beeil dich! Was hilft der schönste Sonnenaufgang, wenn du nicht aufstehst und deine Sachen für die Reise zusamenpackst?

Der Troll gähnte herzhaft und riss dabei seinen Mund weit auf. Immer mit der Ruhe ich bin doch kein Vogel! Die sind morgens gleich wach, können fliegen, müssen nicht so hetzen und sch.... auf alles! so antwortete er seiner inneren Stimme, und wollte dabei das Sch-Wort lieber nicht aussprechen. Im Lauf von 1300 Jahren hatte er sich viele Schimpfwörter und hemmungsloses Fluchen abgewöhnt. Nur hin und wieder, wenn er in arge Bedrängniss geriet, wenn so zu sagen der Hut brannte, wollte das eine oder andere aus seinem Trollmund hinaus gebrüllt werden. Doch wie immer hatte seine innere Stimme Recht. Er musste aufstehen, Frühstück machen und alles zusammenpacken. Schließlich ging es seit einer Ewigkeit wieder auf Reise, und zwar von Hordaland, das ist eine Provinz im Süd-Westen Norwegens, nach Oppland. Genaugenommen war Jannik Janson vor langer Zeit in die Kommune Ulvik gezogen, in einen Wald in der Nähe des Ulvik-Fjord. Im Ort selbst gab es mittlerweile mehrere Hotels und Pensionen, ein Kino und mehrere Läden. Eine Bergbahn durchquert das Gebiet von Ulvik und hat mit der Bahnstation Finse die höchstgelegene Bahnstation Europas. Aber Jannik Janson wollte nicht mit der Bahn reisen, sondern zu Fuß gehen.

 

Beim Frühstück, das aus einem Spiegelei, einem Milch-Getreidebrei und einer Tasse schwarzen Kaffee bestand, bescherten ihm ein paar zweifelnde Gedanken zur Wanderschaft ein zutiefst unbehagliches und unsicheres Gefühl. Sollte ich mich nicht doch lieber als kleines Menschenmännlein verkleiden, und mit der Bahn reisen? Was, wenn ich mir unterwegs den Fuß verstauche und nicht mehr weiter gehen kann? Oder mein Rücken wieder so zu schmerzen beginnt, wie unlängst, als ich ein bisschen Holz hacken wollte? Und wenn mich ein hungriges Tier angreift? Ich in eine Schlucht stürze? Auf dem harten Waldboden nicht einschlafen kann? Mir einfach nur einen Schnupfen hole? Der Troll hörte sich ziemlich jämmerlich an und begann sich zunehmend unglücklich zu fühlen. Bis die innere Stimme ihm Einhalt gebot und ihm versicherte, dass er auf seinem Weg gut geführt werden würde. Sie erinnerte ihn daran, wie viele Reisen er in seinem Leben bereits unternommen hatte, und welch gefährliche Abenteuer er dabei bestanden hatte. Da sei diese Unternehmung vergleichsweise doch ein Kinderspiel. Ausserdem, so versicherte sie ihm des Weiteren, wirst du auf deinem Weg alles finden was du suchst, wonach du dich sehnst, und was du schon so lange vermisst.

 

Meinesgleichen? fragte Jannik Janson etwas wehmütig. Und die innere Stimme bestätigte: Ja, Deinesgleichen. Der Troll nickte, beinahe wie ein artiges Kind, stand auf und suchte in einer mit herrlichen Ornamenten verzierten Holztruhe ein Wanderbündel aus altem Segeltuch. Dann richtete er sich Kleidung nach dem Zwiebelprinzip, zwei daunengefütterte Decken, etwas Geschirr, eine Trinkflasche, Salz und Pfeffer, etwas Zunder der auch bei leichtem Regen brannte, eine Landkarte und alle möglichen Salben, Tinkturen, Pflaster und Verbandsmaterialien um einerseits seine bestehenden Wehwechen, und andererseits seine möglichen bevorstehenden Wehwechen zu versorgen. Plötzlich meldete sich wieder seine innere Stimme zu Wort und fragte: Findest du nicht, dass da viel zu viel Ramsch dabei ist? Wer braucht den eine Pferdesalbe, Kiefersalbe, Johanniskraut, Fichtentinktur, Schöllkrautsaft, gesammelte Efeublätter, Brennnessel, Kamillenblüten und selbst gemachten Honigschnaps? Gegen Unglücklichsein ist doch sowieso noch kein einziges Kraut gewachsen. Zumindest fällt mir keines ein, welches wirklich dagegen hilft.

 

Nun war der Troll wegen der bevorstehenden Reise ohnehin schon nervös genug. Doch diese Nervosität steigerte sich jetzt nur noch umso mehr, und er fühlte sich extrem unter Druck gesetzt. Während ihm das Herz bis zum Hals pochte und sein Magen sich wie ein kalter Klumpen zusammen zog, wäre er am liebsten wieder in sein gemütliches Bett zurück gekrochen und hätte nur zu gerne alles hingeschmissen. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte dich einfach zum Schweigen bringen, fauchte er wütend zurück und zeigte hernach unbewusst wesentlich raffiniertere Formen der Negativität, wie Ungeduld und Gereiztheit. Natürlich hatte die innere Stimme ins Schwarze getroffen, und für Jannik Janson war es kein Geheimnis, dass er unterschwellig schon seit langem zu tiefst unglücklich war und an seinem Daseins-Sinn zweifelte. Doch es direkt vorgehalten zu bekommen, bewegte ihn keineswegs zu einer unmittelbaren Veränderung. Viel zu sehr war ihm dieser Zustand sogar schon vertraut geworden. Mittlerweile hielt er ihn für ganz normal, und manchmal nährte sein Verstand diesen Zustand mit allen möglichen negativen Gedanken, indem er den Troll davon überzeugte, dass er niemals inneren Frieden finden würde, und, dass in der Vergangenheit soviel geschehen ist was nicht hätte geschehen dürfen......er sich auf Grund dessen komplett zurückgezogen hatte und dabei furchtbar einsam wurde.

Nein- ich habe es satt!  sagte er dann plötzlich wieder viel entschlossener, und ganz zur Überraschung seiner inneren Stimme. Ich habe dieses unglücklich sein soooooo satt! Ich will es ja einfach geschehen lassen, aber ich bin auf meine alten Tage ein buckliger und gebrechlicher Troll geworden und brauche meine Medizin! Ohne meine Salben und Tinkturen gehe ich nirgendwohin!

Ein kurzer Moment der Stille verstrich, dann meinte seine innere Stimme einsichtig: Na gut. Dann nimm deine Medizin auf diese Reise mit. Wenn es dir dabei hilft mutig und stark zu sein, und Frieden mit dem gegenwärtigen Augenblick zu schließen, dann will ich dir nicht dagegen reden. Sieh was geschieht, und was du tun kannst oder willst, oder wie das Leben durch dich tut.

 

Jannik Janson atmete tief durch, griff nach ein paar kleinen Tontöpfchen welche mit den verschiedenen Salben angefüllt waren, und packte auch die Fläschchen mit den Tinkturen und den Honigschnaps ein. Er schnappte sich seinen Wanderstock und seinen Hut, und warf einen traurigen Blick in seine geliebte Trollstube. Wenigstens tun mir im Alter die Zähne nicht mehr so weh. Und man hört nicht mehr all das dumme Zeug, das die Menschen ringsum sagen, wenn man sich in ihrer Nähe aufhält. Ach, wie werde ich mein Stübchen vermissen. Ob ich es je wiedersehen werde? Zwar hoffe ich es sehr, aber ich glaube nicht daran. Dann wandte er sich der knorrigen Holztüre zu, schob den Riegel zur Seite und trat in den hellen Schein der Julisonne hinaus in seinen Garten.

 

Nach einer Legende über die ersten Norweger freuten sich alle Lebewesen am Ende der Eiszeit, als die Gletscher schmolzen, über die Wärme und das frische Grün. Mit einer Ausnahme: Die Norweger nämlich packten ihre Skier und zogen nach Norden, dem Eis hinterher.

Der Winter kündigt sich oft schon im September mit ersten Schneestürmen an, und ab November versinkt das meiste Land in einer mehrmonatigen Dunkelheit. Es gehört viel Gelassenheit dazu, diese düstere Zeit, die in den nördlichsten Landesteilen zur völligen Dunkelheit, zur Polarnacht wird, zu überstehen. Doch als Jannik Janson aufbrach um Seinesgleichen zu finden, war in Ulvik das Wetter schön mild und warm. Das Mittsommerfest wurde Ende Juni vor genau einem Monat freudig gefeiert, so erinnerte sich der Troll, und seitdem hatte es ungewohnt selten geregnet. Zu einer anderen Zeit hatte er den Mittsommer in bester Laune mit seinen Trollfreunden und Verwandten gefeiert. Dazu gehörte ein Lagerfeuer, das wie bei uns dem Volksglauben nach symbolisch böse Geister und Unholde vertreiben sollte. Nach dem Entzünden des Feuers wurde getanzt und gelacht, die Trollfrauen schmückten sich mit Blumenkränzen und im Zuge dessen wurde die eine oder ander Hochzeit gleich  mitgefeiert. Bevor Jannik Janson die schöne Gyda kennen lernte, Menschentochter des Hardangerkönigs Eirik, war er fest entschlossen eines Tages ebenfalls zum Mittsommerfest zu heiraten. Nicht umsonst sandte einst König Harald Schönhaar etliche seiner Mannen aus, um die schöne Gyda zu seiner Geliebten zu machen. Die Boten brachten ihren Antrag vor, sie aber antwortete, dass sie ihre Jungfräulichkeit nicht opfern wolle, um einen König zum Mann zu bekommen, der kein größeres Reich als ein paar Bezirke habe. Bei dieser Erinnerung musste der Troll noch immer lauthals lachen. Denn einer der "Mannen" war er, wie immer verkleidet und damals blutjung. Nachdem er Gyda zum allerersten Mal erblickt hatte, wollte er keine andere Frau mehr heiraten und dabei ist es letztendlich geblieben. Er war in seinen ganzen 1300 Jahren kein einziges Mal verheiratet. Ob all diese Geschichten irgendjemand hören will, der gerade nichts besseres zu tun hat? fragte er sich in Gedanken selbst. Die innere Stimme schwieg, doch vermittelte sie ihm ein herzerweiterndes Ja.

 

Nun durchquerte er auch seinen Garten zum letzten Mal und kam bei dem Holzzaun an, der ganz mit Moos bewachsen war. Mit seinen Trollhänden glitt er darüber und fühlte wie morsch der Zaun geworden war. Wie gut, dass ich den vor dem Winter nicht mehr erneuern muss. Leb wohl liebe Hütte! Leb wohl lieber Garten! Nichts bleibt für immer. Keine schöne Gyda, keine Trollfreunde, keine Trollverwandten, kein einziges Zuhause. Aber ich werde ein neues Zuhause finden und die letzten Trolle auf dieser Welt kennen lernen. Und wenn nicht, dann soll die Hel mich endlich kriegen!

 

Da meldete sich seine innere Stimme wieder zu Wort und erinnerte an eine ganz andere wichtige Angelegenheit. Ja, ja. Gemütsreich wie immer mein lieber Jannik. Aber das hilft jetzt niemandem. Mir ist etwas sehr wichtiges eingefallen, etwas, das auf jeden Fall helfen könnte. Nämlich die Elementarwesen. Du hast vergessen ihnen eine kleine Opfegabe zu überreichen. Wenn du es nicht tust, dann werden sie dir garantiert auf der Nase herum tanzen und jede Menge Spaß und Magie walten lassen. Schließlich leben und spielen sie im Craic. Aber das weißt du nur allzu gut.

 

Der Troll rollte mit seinen hellblauen Kulleraugen, griff sich an den Kopf und meinte etwas flügellahm: Ach herje- ich habe tatsächlich nicht an sie gedacht. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass es ihnen sowieso vollkommen gleichgültig ist. Sie tanzen mir so oder so auf der Nase herum, und treiben ihre gemeinen Späße mit mir. Das finde ich nicht besonders hilfreich.

 

Hahaha, die innere Stimme musste lachen. Ja all die Wichtel und Gnome, Zwerge, Sylphen, Nixen und Kobolde können einem ganz schön übel mitspielen. Aber im Grunde meinen sie es gut mit euch irdischen Geschöpfen. Sie tun es, um euch bei euerer Entwicklung zu unterstützen. Zugegebener Maßen amüsieren sie sich köstlich dabei...aber danach ist man immer wieder viel offener für die Spontaneität im Augenblick! Sie sind die Wesen zwischen den Welten. Zwischen der dreidimensionalen Wirklichkeit, in der die irdischen Geschöpfe ihre wachen Stunden verbringen, und den anderen Dimensionen. Unumgängliche Begleiter des kosmischen Craic, der alle deine Lebenserfahrungen zusammenfasst. Das ist wahre Magie. Der Craic kommt wann er will, um in ein tieferes Wissen und in eine tiefere Wahrheit zu führen. Widerstand ist zwecklos. Also denke an die Elementarwesen und stell dich gut mit ihnen. Sie könnten dir auf deiner Reise eine große Hilfe sein!

 

Jannik Janson nickte zustimmend, denn er war sich über das, was die innere Stimme ihm gesagt hatte, absolut bewusst. Tatsächlich hatte er den Craic schon zu oft in seinem Leben kennen gelernt. Das Wort stammt eigentlich von den Iren. In Norwegen war ihm bisher kein vergleichsweise besseres oder schlechteres Wort untergekommen, welches den Craic hätte beschreiben können. Im Grunde kann man ihn gar nicht so genau beschreiben, da er mit dem Verstand schwer fassbar ist. Die einzige Art, wie ein geistig gesunder Troll sich dem Craic annähern kann, ist, sich ihm auszuliefern. Durch die Annahme dessen, was gerade ist. So schlimm und schmerzhaft es auch sein mag. Angeblich gibt es seit eh und je auch Trolle, welche zu den Elementarwesen übergegangen sind. Sie leben und spielen zusammen mit den anderen Wesen im Craic. Doch Jannik Janson hatte lediglich davon gehört. Gesehen hatte er noch keinen einzigen. So hat jedes Land seine eigenen Geschichten und Mythen. Rasch packte er den Honigschnaps aus seinem Bündel aus, und füllte damit einen halben Trinkbecher. Als er den Becher kurz auf den Boden abstellte, um den Schnaps wieder einzupacken, war er verschwunden. Verwundert blickte er nach links, nach rechts, drehte sich um und im Kreis, doch der Becher war weg. War er während er den Becher füllte unabsichtlich ein paar Schritte nach vor gegangen? Verwirrt ging er wieder ein paar Schritte rückwärts und wusste am Ende gar nicht mehr, wo genau er in seinem Garten stehen geblieben war, um den Elementarwesen einen Opfertrank zu reichen. Während er so in Gedanken versunken war und noch einen Schritt zurück tat, stolperte er über Dornengestrüpp und landete  ZACKBUM auf seinem Trollhinterteil. Er sah sich etwas verärgert um, und entdeckte rechts neben sich am Boden den gefüllten Becher. Und schon haben sie ihren Spaß mit mir, dachte er für sich, und die innere Stimme meinte höchst vergnügt: Dir kann man ja so leicht die Füße vom Boden ziehen, soviel wie du im Kopf bist und grübelst! Aber wie es scheint, sind die Elementarwesen ebenfalls zum Aufbruch bereit!

 


 

 


Auf zum Eidfjord



Ulvik ist umgeben von hohen Bergen, deren Felswände unglaublich steil zum Fjord hinabfallen. Einst war es nebst dem gemächlicheren Klima auch die besinnliche Ruhe, die Jannik Janson in diese Gegend trieb. Er nahm sich die Zeit einfach nur dazusitzen und zu vergessen. Auf diese Weise erlebte er seine ganz eigenen Wunder. Sein Herz hatte einen Platz gefunden, und so konnte er seine Seele etwas baumeln lassen, morgens in seiner Hütte gemütlich einen Kaffee trinken, und dabei ein Prinzessinengesicht machen wenn er Lust dazu hatte. Er lebte friedlich vor sich hin, bis eines Tages seine innere Stimme zu lärmen begann, und er sich zunehmend an alles erinnerte, was er eigentlich schon vergessen hatte und nie mehr wissen wollte. Und so kam es, dass er sich seit eineinhalb Stunden einen Weg zwischen den Bäumen des Waldes nebst dem Fjord bahnte, und dabei vorsichtig versuchte, die vielen verschlungenen und miteinander verflochtenen Wurzeln zu umgehen. Es war nichts zu hören außer das Zwitschern der Vögel und diese wussten nicht viel Neues zu berichten. Tatsächlich konnte der Troll mit ihnen reden und verstand genau wovon sie zwitscherten. Hauptsächlich ging es um Futter und das brachte seinen eigenen Magen zum Knurren. Doch noch wollte er nicht rasten, denn er gedachte vom Ulvikfjord zum Eidfjord zu wandern, dem östlichen Arm des Hardangerfjords. Große Teile des Fjells und des Nationalparks Hardangervidda befinden sich auf dem Gebiet. Zudem hielt das schöne, warme Wetter an und das wollte er gut für sich nutzen.

 

Obschon nirgend ein Pfad zu sehen war, und die Bäume so aussahen als wollten sie ihm ständig den Weg versperren, kam er sicheren Trittes flott voran, denn er kannte dieses Gebiet so gut wie kein anderes Geschöpf. Er war sich ganz sicher, in welche Richtung er gehen musste. Nach einer weiteren Stunde trat er plötzlich aus den Bäumen heraus und befand sich auf einer großen, kreisrunden Fläche mit stoppeligem Gras in Ufernähe des Ulvikfjord. Die Sonne stand hoch und von weitem konnte er beobachten, wie die Menschen in ihren Booten über das Wasser ruderten.

 

Ein weiteres, unüberhörbares Magenknurren erinnerte ihn daran, dass sein Frühstück schon eine ganze Weile zurücklag. Gar oft schon in seinem langen Leben hatte der Hunger den Troll dazu gezwungen, sich mit Dingen abzugeben, die eigentlich nicht seinem wahren Wesenskern entsprachen. Dazu muss man wissen, dass Trolle vor allem in ihrer Wachstumsphase  enorm viel Essen brauchten. Mangelte es an ausreichend Fisch- und Fleischspezialitäten, so konnte ein Troll zu einem wahren Berserker werden. Für eine deftige Mahlzeit hätte Jannik Janson in seinen jungen Jahren alles getan. Er erinnerte sich daran, wie ihn einst die schöne Gyda um ihren Finger wickelte, indem sie ihm für einen klitzekleinen Gefallen die köstlichsten seiner Lieblingsspeisen versprach. Ihr Herz war im Grunde zutiefst stolz, hochmütig und habsüchtig. Bei dem klitzekleinen Gefallen handelte es sich um nichts Geringers als die Unterwerfung von ganz Norwegen durch Harald Schönhaar, denn nur dann, so meinte sie, wolle sie seine Gemahlin werden. Zudem wollte sie, dass Harald über das gesamte Reich genau so frei schalten und walten konnte, wie die Könige Erik über Schweden und Gorm über Dänemark.

Und DU wirst den König dazu überreden! Verstanden?

 

Heimlichste Blicke erhascht, die zärtlichsten Berührungen gespürt, die aufregendsten Stunden erlebt- all das hatte Jannik Janson mit Gyda natürlich nie erlebt. Stattdessen gab es jedoch die saftigsten Hammelbraten, Rehkeulen und Fleischbällchen die er je gegessen hatte. Der bittere Nachgeschmack, der nach alldem folgte, blieb ihm allerdings noch lange im Halse stecken. Jannik Janson schüttelte sich bei dem Gedanken daran, hielt still und griff mit seiner rechten Hand zur Brust. Seine innere Stimme schwieg. Was für ein Glück! Denn nun konnte er sich endlich auf die Futterbeschaffung konzentrieren. Aufmerksam sah er sich in alle Himmelsrichtungen um, und just in diesem Moment war von irgendwelchen Wanderern, Mountainbikern oder Bootsfahrern nichts zu sehen. Die Gier nach einem köstlichen, wohlschmeckenden Barsch, trieb ihn ein kleines Stückchen in den Wald zurück. Mit einer Rute in der Länge von etwa 1,60 Meter kehrte er zurück. Hernach legte er seinen Wanderbeutel auf den Boden und kramte einen kleinen, selbstgebastelten Gummifisch hervor, und befestigte ihn an einem Haken. Manche Fischarten nehmen ins Wasser geworfene leere Haken sofort an, weil sie nicht zwischen Haken und Futter unterscheiden können. Dies kommt jedoch nur an Gewässern mit Futtermangel oder in Zuchtteichen vor. Kleine Wurfgewichte zu etwa 10 Gramm vollendeten seine Angelausrüstung und so machte er sich daran, ein kleines Stückchen weiter nördlich über eine steile Böschung zu klettern, nur um auf der anderen Seite an eine Uferstelle zu gelangen, von der aus das Angeln immer ganz wunderbar klappte. Einen selbst gebastelten Kunstköder par exellence durch das Wasser zu führen, ihm Leben einzuhauchen und ihn so realistisch wie nur möglich durch die Wasserschicht zu jagen, das beherrschte Jannik Janson mit seiner über tausendjährigen Anglererfahrung perfekt. Der Anblick des Kunstköders ließ tatsächlich einem Barsch das Wasser im Maul zusammenlaufen, und nachdem der Troll ihn an sein Limit gebracht hatte, war er schließlich gelandet. Und zwar ohne ihn zu kochen oder zu braten genau in seinem Magen. Nach Nr. 1 folgte Nr. 2, dann 3 und 4. Die innere Stimme schwieg nach wie vor, und nach einem kurzen Nickerchen kam es zu Nr. 5. Dabei wurde Janniks Stimmung immer vergnügter! Er pfiff ein paar fröhliche Lieder, bewegte sich leichtfüßig wie eine Gazelle , und wenn er Lust hatte vor Freude zu springen dann sprang er und spürte, wie sein Herz weit und frei wurde. Kein einziges Mal dachte er daran, sich mit irgendeiner Salbe das abgeschundene Trollkreuz einzuschmieren oder einen Becher voller Wurzeltinktur zu schlucken, damit er das Ziehen und Pochen in seinem rechten Knie überdauerte. Die Abenteuerlust hatte ihn all das vergessen lassen, und als er seinen 6. Barsch fing, fühlte er sich so stark wie einst der Donnergott Thor beim berühmten Fischfang und Kampf gegen die Midgardschlange.

 

Hymir der Riese hatte Thor dazu überredet mit ihm zum Fischfang zu gehen, damit sie des Abends genug zu Essen hatten. Als Köder nahm der Donnergott den Kopf des größten Ochsen aus der Herde Hymirs, und er ruderte mit Hymir bis ans Ende des Meeres, dorthin, wo die Midgardschlange lag. Als die Schlange anbiss, musste Thor sich so fest gegen das Boot stemmen, dass er den Boden des Bootes zertratt. So stand er mit den Füßen auf dem Grund des Meeres, die angespannte Angelschnur weiter fest in den Händen. Als er den Kopf der Schlange aus dem Wasser zog, verabschiedeten sich Hymirs Nerven. Er zerschnitt die Angelschnur, sodass die Schlange entkam.

 

Du bist von all diesen Geschichten und Mythen der einzige noch lebendige Teil, mein lieber Freund. sagte die innere Stimme, und Jannik Janson zuckte erschrocken zusammen. Gerade so, als ob die Stimme ihm mit ihren Worten die Angelschnur zerschnitten hätte, ließ er seine Angel in den Fjord fallen. In den alten Geschichten begegnete Thor der Midgardschlange drei Mal. Jannik Janson war ihr ein Mal begegnet, und obschon seine innere Stimme ihm seit eh und je versicherte, dass es nicht nur ein Traum gewesen war, zweifelte er daran. Sein Verstand versuchte ihm nämlich deutlich klar zu machen: Das kann gar nicht sein! Du bist ein verrückter alter Troll! Seitdem fühlte er sich innerlich wie zerrissen. Die Schlange war die Kraft, welche die Erde einhüllte, und deshalb von riesenhafter Größe. Sie symbolisierte stets die Vergänglichkeit jener alten Welt, zu der alle Menschen, Tiere und Elementarwesen einen starken Zugang hatten. Beim Weltenuntergang, bei dem sich Thor und die Midgardschlange zum dritten Mal trafen, töteten sie sich gegenseitig, und damit auch das männliche und weibliche Urprinzip, welches beide Figuren nebst all den Abenteuern und Geschichten ebenso darstellten. So wurden die Karten völlig neu gemischt und viele neue Weltanschauungen hielten Einzug. Nicht nur in Norwegen.

 

Schade um die selbst gebaute Angel. meinte der Troll etwas geistesabwesend, und kramte aus seiner Hosentasche ein hellrotes Stofftaschentuch hervor um sich die knollige Trollnase zu schnäuzen. Die Erinnerung an die Begegnung mit der Midgardschlange hatte ihm einen kalten Schauer vom Rücken bis hinauf zum Kopf und von dort über das Gesicht laufen lassen.

Es war zu neblig. Ich konnte den Kopf der Schlange nur schemenhaft ausmachen. Das Gefühl, dieses Wesen vor mir zu haben, war jedoch eindeutig. sagte der Troll zu sich selbst, oder viel mehr, zu seiner inneren Stimme. Du hast ihr einen Stein an den Kopf geworfen! meinte diese vorwurfsvoll und er musste lachen. Ja, ich war zu jener Zeit sehr geübt im Steinwurf. Und da ich mich in einer durch und durch bedrohlichen Lage sah, schoss ich ohne darüber nachzudenken einfach drauf los. Genau zwischen ihre Augen traf ich sie. Dann hörte ich sie noch einmal zischen und weg war sie! Reiner Zufall, dass ich ihr begegnet bin!

 

Ein Teil von dir glaubt noch immer nicht daran. hielt die innere Stimme fest. Jannik Janson schwieg dazu, dann kehrte er zu seinem Wanderbündel zurück, warf es sich über den Rücken und begann sich nach einem neuen Weg umzusehen, denn er wollte vor dem Abend noch ein Stückchen weiter wandern. Nachdem er wieder den Waldboden unter seinen Füßen spürte, merkte er, dass seine gute Laune nicht verschwunden war. Daran hatte selbst der Verlust seiner Angelausrüstung nichts geändert. Seitdem Fischfang und dem köstlichen Essen gefiel ihm sein neues Abenteuer und er fühlte sich um einige hundert Jahre jünger. Deshalb kam er sehr schnell voran, sodass die Berge immer näher rückten und der Fjord für eine ganze Weile nicht mehr zu sehen war. Jannik Janson erreichte einen Punkt, an dem der Pfad den er gewählt hatte eine Kehre nach rechts machte, und wieder hinunter auf eine schnurgerade Feldwiese führte. Schafe weideten an diesem Ort, umzäunt von Obstbäumen und kleinen Steinmäuerchen. Er hielt kurz an um einen Stein aufzuheben, der sich scheinbar von der Mauer abgelöst hatte.

Mal sehen, ob ich noch genau so gut treffe wie damals. dachte er für sich und zielte auf einen morschen Baumstumpf der etwa 10 Meter entfernt zackig und trostlos aus der Erde ragte. Während er so da stand und sich auf das Ziel konzentrierte, blärrten im Hintergrund die Schafe. Doch davon ließ er sich nicht ablenken. Er hob die rechte Hand mit dem faustgroßen Stein, führte sie etwas zurück, holte Schwung und warf den Stein so kräftig er konnte auf die längste Zacke des Baumstumpfes. Er hielt den Atem an und starrte gebannt auf das Ziel. Der Stein flog und flog und flog, weit an dem Baumstumpf vorbei und als nächstes erklang ein entsetzliches Geräusch. Es klang gerade so, als ob jemand oder etwas, krächzend umgefallen wäre.

 

Was war das?  schoss es Jannik Janson sofort ein und rannte sogleich los um nachzusehen. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, seine Augen weiteten sich je näher er an den Tatort herankam und die Spannung schien ihm die Kehle zuzuschnüren.

 O nein o nein o nein! rief er bestürzt, als er sah was geschehen war. Hinter dem Baumstumpf, auf der Wiese, lag ein toter Rabe!

O nein o nein o nein flüsterte er, als er näher trat um den Vogel aufzuheben. Er fasste ihn an den Füßen und hielt ihn hoch. Der Vogel machte keinen Murcks mehr und hing mit dem Kopf nach unten leblos da. Jannik Janson sah eine kleine Blutspur am Hinterkopf.

So ein verdammender Mist elendiger Hühnerdreck wie konnte das nur passieren? Ein Rabe! Ich habe einen Raben erschlagen! O Göttervater Odin vergib mir, ich weiß sehr gut um den Wert dieses Tieres!

 

 


Raben-Rat und Bären-Kraft



Dachtest du wirklich, dass Odins Raben so dämlich sind und sich hier auf diesem Flecken Wiese niederlassen, um von einem uralten Troll wie dir niedergeschossen zu werden? Scheint ein Kolkrabe zu sein. Ich korrigiere: gewesen zu sein. Tiefschwarzes Gefieder, klobiger Schnabel, großer Kopf und keilförmiger Schwanz. Tja. Sein tiefes Kroh Kroak wird niemand mehr zu hören bekommen. War fast 20 Jahre alt der Bursche. Vermutlich hat er sich nach ein paar Wühlmäuschen umgesehen. Der größte Feind des Raben ist und bleibt der Mensch. Und ein uralter Troll namens Jannik Janson. Versteh mich nicht falsch Jannik- ich will mich wirklich nicht auf deine Kosten amüsieren und bedauere den Tod dieses schlauen Vogels sehr. Beruhige dich, es handelt sich nicht um einen von Odins Raben. Was dir eher Sorgen bereiten sollte, sind die kleinen Kobolde die gerade einen Kreis um dich herum bilden. Sie ballen die Fäuste und verfluchen dich. So wie es aussieht stand der Rabe in ihren Diensten.

 

Tatsächlich versammelten sich um den Troll immer mehr wütende Kobolde, mit langen spitzen Ohren und lustigen Hüten, die ihre jung aussehenden Gesichter besonders gut zur Geltung brachten. Im Grunde sind diese Wesen dafür bekannt, dass sie eine Vielzahl an Krisensituationen mit etwas Witz und Humor gut meistern, doch aus jenen kleinen Kobolden blitzten die Augen streit und rauflustig hervor, während Jannik Janson wie ein bedepperter Schuljunge nervös auf der Stelle trat, und nicht wusste was er tun sollte. Er selbst konnte diese Naturwesen nicht sehen sondern nur hören und fühlen, und das brachte ihn zunehmend in arge Bedrängnis, denn er hatte keine Lust von einem unsichtbaren Angreifer getreten und geschlagen zu werden.

 

Ruhe! Sei still! Halte ein mit deinen klugen Ratschlägen! herrschte Jannik Janson seine innere Stimme an. Ich muss nachdenken, nachdenken, nachdenken... Arrrgh mir fällt nichts ein! Es war ein Versehen! rief er laut aus und wiederholte: Ein Versehen, hört ihr? Ich wollte doch nur den Baumstumpf treffen und nicht eueren Rabenfreund! Ich habe ihn einfach nicht gesehen!

 

Nein. Tut mir leid Jannik, aber das interessiert sie nicht im Geringsten. Der erste Kobold kommt schon angelaufen und landet auf deinem rechten Fuß in 3, 2, 1 ....

 

AAAAAUUUUUA du fieses kleines Biest! fluchte Jannik Janson und hüpfte jämmerlich auf seinem linken Bein herum, nachdem ihm der Kobold ordentlich ins rechte hineingebissen hatte.

 

Arrrgh! Und schon wieder überfällt mich dieser Craic und mischt sich in mein Leben ein! Ich habe keine Lust mehr! Hört ihr? Ich bin zu alt für diesen Blödsinn und obendrein senil! 

 

Schließlich sprangen 5, 6, 7, 10, 12, und dann nochmal 23 weitere Kobolde auf ihn und rangen ihn zu Boden. Dabei entstand ein dumpfes Geräusch, dem ein weiterer schmerzerfüllter Seufzer und Hilferuf folgte.

 

Jetzt stell dich doch nicht so an Jannik Janson der grobe Grobian! Weißt du nicht mehr? So nannten dich einst die Menschen und Trolle, nachdem sie sie sich mit dir anlegten! Ein richtiger Lümmel und Flegel warst du! Bei allen Göttern- was hast du in deinem Leben gerauft und herumgestritten? so erinnerte die innere Stimme ohne einen Funken Mitgefühl, und der Troll schrie wütend zurück: Das war weil ich Hunger hatte! Ich war jung und hungrig und von ein bisschen schimmeligen Käse  und süßen Grießbrei wird kein junger Trollbursche satt und glücklich! AAAAAUUUA! Meine Nase!

 

Die kleinen Kobolde rauften, dass die Fäuste nur so flogen. Auf Grund ihrer geringen Körpergröße fühlten sich die einzelnen Schläge freilich nur wie ein Piecksen an. Doch in der Menge konnte es gehörig weh tun und so zeigten sie des Weiteren kein Erbarmen und teilten ordentlich aus. Jannik Janson begann zu husten und er hatte das Gefühl immer schwerer Luft zu bekommen, während sein Herz wild klopfte. Sein Verstand erinnerte ihn daran, dass ihm die Kobolde schon oft übel mitgespielt hatten. Zum Beispiel damals, als Harald Schönhaar ihm einen kostbaren Goldring für Gyda anvertraute, um ihr Herz zu gewinnen. Er steckte den Ring an seinen Kleinfinger, um sicher zu gehen, dass er nicht verloren ging. Doch die Kobolde schlichen sich des Nachts an ihn heran, zogen den Ring von seinem Kleinfinger und verschwanden damit so schnell sie nur konnten. Seine innere Stimme ließ ihn aufwachen, doch bis auf die schnell trippelnden Fußschritte der Kobolde konnte er nichts erkennen. So war er in seiner Not gezwungen, Gyda einen selbst gebastellten Ring aus Wurzelgeflecht und Blümchen zu schenken, und wie sie darauf reagierte kann man sich gut vorstellen. Der Troll spürte, wie die Kampfeswut in ihm gedieh, wie der Druck immer größer wurde und die Lust einfach blindlings um sich zu schlagen schier unbändig wurde. Hätten dem Troll in jenem Moment ein oder zwei Paar ungläubige Menschenaugen zugesehen, so hätten sie einen uralten Troll erblickt, der sich wie verrückt auf dem Wiesenboden herumwälzte, einmal nach links und dann wieder nach rechts, dabei grunzte und stöhnte, und mit seinen Fäusten sich selbst schlug und mit den Füßen in die Luft trat.

 

Was tust du? fragte die innere Stimme. Ich weiß es nicht! knurrte der Troll wütend. Aber lange halte ich das nicht mehr durch mich verlassen die Kräfte!

 

Warum kämpfst du gegen sie? fragte die innere Stimme weiters, und der Troll höhnte: Na du bist gut! Warum wohl? Weil sie mich angreifen! Diese garstigen kleinen Biester!

 

Du bist ein Narr! schimpfte die innere Stimme. Den größten Teil dieses lächerlichen Kampfes erschaffst du selbst! Und zwar aus deiner ganzen Ablehnung heraus! Du hast ihren Raben erschlagen! Zwar aus Versehen, aber du hast dich bis jetzt noch kein einziges Mal dafür entschuldigt! Stattdessen denkst du an längst vergangene Streitereien und sorgst dafür, dass sich deine Ablehnung und dein schlechtes Gefühl nur noch verstärken. Wut macht dich blind für die Gegenwart! Was wurmt dich so? Und was kannst du nun wirklich tun?

 

Mich wurmt der Hasswurm! Und ich weiß es einfach nicht! brüllte der Troll und gab endlich auf. Er ließ die Kobolde gewähren und blieb reglos am Rücken liegen. Mich wurmt der Hasswurm und mein Verstand will ihn nicht vertreiben. Ich habe mich gerade wieder zu freuen begonnen! Auf diese Reise, auf ein Abenteuer, auf Meinesgleichen! Und was passiert, immer genau dann, wenn ich mich freue? Der Craic holt mich ein und verdirbt mir alles! Ich wollte den Raben nicht erschlagen, es tut mir leid!

 

Augenblicklich hielten die Kobolde ein und ließen von dem Troll ab. Allesamt murmelten so etwas ähnliches wie: Na endlich, dieser alte Volltrottel! in ihre Bärte hinein. Dann zupften sie sich ihre Gewänder zurecht, putzten den Staub und den Dreck von sich, und spazierten wie selbstverständlich auf die Wiese. Jannik Janson begann sich zu rühren. Ihm war speiübel und als er sich aufsetzte um nach Luft zu schnappen wurde ihm schwindlig. Allmählich beruhigte er sich. Seine ganze Wut hatte sich entladen und nun war er hundemüde und fühlte sich elend. Er dachte über die Worte der inneren Stimme nach, und sprach: Ist das Leben nicht herausfordernd genug? Es gibt sovieles, das scheinbar zu mir gehört. Auch die Schatten. Und die ich auf diese Art und Weise nicht mehr los werde. Ich habe das unglücklich sein so satt. Ich will es wohl gut machen und annehmen. Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich bin nicht mehr böse, dass Euresgleichen mir damals Gydas Ring gestohlen hat. Sie war es sowieso nicht wert. Was ich jetzt tun kann? Raben - Rat! Wir halten einen Raben - Rat!

 

Die Kobolde blickten aufmerksam auf den Troll und fragten sich, was er mit einem Raben - Rat meinte. Dieser erklärte sogleich: Kommt her, ihr kleinen unsichtbaren Wesen! Setzt euch zu mir, lasst uns einen Kreis bilden und darüber verhandeln, wie ich das mit euerem Rabenfreund wieder gut machen kann! Ich habe auch etwas Honigschnaps dabei, und kann uns ein Feuer entzünden. So wollen wir wie in den guten alten Zeiten ein Thing abhalten!

 

Seine innere Stimme freute sich sehr über diese Einsicht und gute Idee, und so übermittelte sie ihm ein paar besonders warmherzige und angenehme Gefühle. Diese wohltuende Energie ließ den Troll tief durchatmen und er fühlte, wie sein Körper etwas schwerer wurde. Sein Geist war nun wieder ganz klar und er wusste genau, was zu tun war. Während die Sonne sich hinter den steilen Bergen allmählich zurückzog, huschte der Troll zwischen den Obstbäumen und den Schafen umher, um Feuerholz zu sammeln. Er wollte einen schönen, gemütlichen Thingplatz richten, und schaffte dafür sogar noch ein paar größere und kleinere Steine herbei, die lose vor dem Mäuerchen herumlagen. Die Schafe beobachteten das Treiben des Trolls und blärrten ab und zu oder liefen davon, wenn er ihnen zu nahe kam. Auch die Kobolde beobachteten ihn neugierig. Eigentlich blieben sie vor allem wegen der Aussicht auf Honigschnaps. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie er ihnen den Raben zu ersetzen gedachte. Ein paar von ihnen wollten irgendwann doch nichts mehr damit zu tun haben, und zogen sich in ihre Baumbehausungen zurück. Jannik Janson spürte, wie ihm vom Kampf der ganze Körper schmerzte. Aber er war so sehr in seinen Vorbereitungen vertieft, dass er weder Zeit fand darüber nachzudenken geschweige den sich mit entsprechender Medizin zu versorgen.

 

Versammlungen zum Zwecke einer Meinungsfindung oder Rechtsprechung, war für frühere Stammesgesellschaften eine übliche Erscheinung mit wechselnden Formen. Die Orte, an denen man sich traf, mussten zentral liegen und gut zu finden sein. Häufig wählte man deshalb einen Hügel oder Plätze mit besonders markanten Landschaftsmerkmalen wie Steinen oder Bäumen. Die Termine dafür waren genau festgelegt und orientierten sich an den Mondphasen. Nur in Ausnahmesituationen, wie zum Beispiel dem Kriegsfall, traf man sich auch außerhalb dieser festgelegten Zeiten. An diesem späten Sommernachmittag, nahm Jannik Janson den Vorsitz ein, denn er hatte den Raben – Rat einberufen. Doch bevor es soweit war, begann der Troll das gesammelte Holz aufzuschichten. Er legte 2 Holzstücke mit etwas Abstand nebeneinander, und legte dann wieder 2 Holzscheite im Winkel von 90 Grad darauf, immer wieder, sodass ein hohler Turm entstand. In der Mitte des Holzturms legte er ein paar besonders dünne Spänne. Seinen Zunder sparte er sich für schlechtere Tage auf. Er hatte alles schön luftig überereinander gelegt, damit von überall her viel Sauerstoff in die Flammen gelangen konnte. Dann kramte er ein Streichholz aus seiner Hosentasche hervor und zündete damit die Späne in der Mitte an. Er fächerte den Flämmchen von der Seite unten Luft zu, und tat dies solange, bis die größeren Holzstücke sich ebenso entzündeten.

 

Die Kobolde setzen sich gerade um das Feuer herum auf den Boden und warten darauf, dass du ihnen die Flasche mit dem Honigschnaps reichst. sprach die innere Stimme und war von dem geselligen Anblick ganz begeistert.

 

Der tote Rabe lag eineinhalb Meter von dem Feuer entfernt auf einem Bett aus Gras, das die Kobolde dem Tier aufgeschichtet hatten. Hernach wollten sie dem alten Brauch gemäß den Körper des Tieres den Flammen übergeben.

 

Die grauen Haare von etwas Harz verklebt, das zerfurchte Gesicht verschwitzt und veschmutzt, so saß sich Jannik Janson auf einen Stein ans Feuer und schloss seine Augen. Er griff nach der Flasche mit dem Honigschnaps, breitete seine Arme aus und als er seine Augen wieder öffnete sprach er: Raben sind für uns Trolle besonders weise und intelligente Tiere. Kaum ein anderes Tier begegnete mir an meinen ganz persönlichen Übergängen und Wegkreuzungen so eindringlich und intensiv. Dieser Rabe hat mich auf meine Schatten aufmerksam gemacht, und mir gezeigt, dass ich meine Grenzen überschreiten muss, um einen Weitblick für das zu entwickeln, was einst gut oder schlecht war. Ich danke diesem Tier und bitte euch Kobolde abermals um Verzeihung, dass er auf Grund meines närrischen Treibens sein Leben lassen musste.

 

Nach diesen einleitenden Worten nahm er einen Schluck aus der Flasche und stellte sie einen halben Meter entfernt auf der rechten Seite auf den Boden, in der Hoffnung, dass die Kobolde kommen und ebenfalls einen Schluck davon nehmen würden. Diese erschlugen sich fast gegenseitig bei dem Versuch, als erstes an die Flasche zu gelangen. Was danach folgte war kein Gelage wie wir Menschen es in unserer Welt im herkömmlichen Sinne kennen. Viel mehr nahmen diese Naturwesen die Essenz des Schnapses in sich auf, was eine ebenso berauschende und entspannende Wirkung mit sich brachte. Auf einmal waren die Kobolde dem Troll gar nicht mehr so böse und wurden gesprächig.

 

Sie haben alle etwas abgekommen. flüsterte die innere Stimme dem Troll zu. Sie schauen müde und entspannt ins Feuer. Manche werfen dir nickende und anerkennende Blicke zu. Siehst du? So wirst du doch noch in eine wunderbare Erfahrung des Craic geführt. Und du selbst hast es gewandelt und gut gemacht! Jetzt warten sie darauf, dass du ihnen eine Lösung anbietest. Was hast du dir überlegt?

 

Jannik Janson räusperte sich, dann sprach er: Hört! Dies ist das einzige Angebot, dass ich euch machen kann! Mir steht eine lange, lange Reise bevor! Auf dieser Reise werde ich bestimmt noch dem einen oder anderen Raben begegnen und mein Bestes dafür tun, dass eben jenes Tier zu euch in die Nähe des Ulvikfjord kommt, und euch bei den Wintervorbereitungen hilft. Ich weiß sehr gut, wie man sich mit Raben vertraut macht und im Gegenzug dafür kann ich auch dem Vogel einige nützliche Angebote machen.

 

Welche denn?  fragte die innere Stimme.

 

Pst! Ich habe noch nicht die geringste Ahnung. murmelte der Troll.

 

Na gut. Immerhin applaudieren dir die Kobolde und sind einverstanden. Sie wünschen dir für deine Reise die Kraft eines Bären! erklärte die innere Stimme.

Jannik Janson fiel ein Stein vom Herzen und antwortete: Vielen Dank! Die Kraft kann ich gut gebrauchen!

 

In der Abenddämmerung saß er noch lange am Feuer und trank gemeinsam mit den Kobolden die Flasche Schnaps aus. Er erzählte ihnen die Geschichte, wie Odins Raben schwarz wurden, und die Kobolde legten Holz nach und übergaben den Körper des toten Raben dem Feuer. Irgendwann kippte Jannik Janson rücklings vom Stein runter und begann laut zu schnarchen.

 

 

 


Es stinkt zum Himmel



Alb, Alb, du bist geboren wie ein Kalb,

 

Alle Wasser musst du waten,

 

Alle Spiele spielen mit Karten

 

Alle Berge musst du besteigen

 

Alle Tänze tanzen im Reigen

 

Und ob du das wirst tun,

 

derweil kann ich gut ruhn.

 

so murmelte Jannik Janson im Halbschlaf. Zuerst konnte er wenig sehen, denn die Nacht war noch nicht ganz vorbei. Es war dunkel und er schien wie in einer Nebelwelt zu sein, dessen graue Schwaden unaufhörlich über seinen rundlichen Trollkörper wallten. Dann wich der Nebel hier und dort zurück, und das Drücken begann. Der Alb setzte sich auf seine Brust, sein Atem wurde schwer, und eine fesselnde Beklommenheit hielt ihn fest. Gerade so, als ob der Alb als Nachmahr ein Pferd ritt, saß der elbische Geist auf dem Troll und bescherte ihm schreckliche Albträume. Jannik Janson lag auf seinem Rücken, schweißgebadet, erschöpft, keuchend und mit wild pochendem Herzen. Es war die Zeit vor der Morgendämmerung, in der ein Träumender gerne in einen halb wachen und gleichzeitig halb verschlafenen Zustand gerät, und nicht im Stande ist all seine Sinne zusammen zu finden. Diesen schwachen Moment nutzt der Alb.

 

Jannik Janson dachte zwar an seine Kräutermedizin, denn diese hielt einige Wirkstoffe gegen den Alb bereit, doch sein Wanderbündel lag viel zu weit von ihm entfernt. Zudem vermochte er sich in diesem Zustand nicht zu bewegen. Vor seinen Augen erschien der germanische Kosmos wie eine Torte aus drei Schichten. Zuoberst befand sich der Sitz der Götter, das so genannte Geschlecht der Asen, weshalb diese obere Ebene den Namen Asgard trug. In der Mitte lag Midgard, die Ebene in der die Menschen hausten, umgeben von dem Meer in dem die Midgardschlange lebte. In der Ferne, am äußeren Rand lag Utgard, die Außenwelt, dessen eisige Gestade von Trollen mit einer ganz anderen Art und Gesinnung bewohnt war. Und nicht zu vergessen die Eisriesen, welche von Odin jenen Platz ebenfalls zugewiesen bekamen. Ganz unten befand sich die Dunkelwelt, Niflheim. Der Troll sah dem Neiddrachen Nidhögg dabei zu, wie er den Toten das Blut aussaugte. Danach hatten sie nicht mehr weit zu wandeln, denn das Totenreich befand sich gleich nebenan. Hel, die Herrscherin dieser Unterwelt, war halb fleischfarben, halb blauschwarz, halb lebendig, halb tot. Genauso fühlte sich Jannik Janson, während der Alb ihm die Luft abdrückte. Alle seine verborgenen Ängste traten an die Oberfläche und bescherten ihm ein Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung.

 

Doch vermochte er sich darauf zu besinnen, was ihm seine innere Stimme in den letzten Jahren gesagt und beigebracht hatte. Fühle deinen inneren Körper, sagte sie, und spüre deine wahre Lebensenergie, zwischen all der Form und dem Formlosen. Unterbrich deinen Gedankenstrom, und dein Körperbewusstsein verankert dich im gegenwärtigen Moment. Innere Lebendigkeit und Lebensfreude sollst du spüren, egal wie dein Körper nach außen hin erscheinen mag.

 

Aber ich spüre gerade jetzt nichts anderes als meine Angst.
dachte der Troll für sich. Früher konnte ich diese Ängste vor der Welt verbergen. Oft genug schien niemand zu wissen, wie es mir wirklich geht. Doch aus irgendeinem Grund fehlt mir seit Jahren die Kraft dafür.

 

Wieder murmelte er im Halbschlaf diesen Spruch:

 

Alb, Alb, du bist geboren wie ein Kalb,

 

Alle Wasser musst du waten,

 

Alle Spiele spielen mit Karten

 

Alle Berge musst du besteigen

 

Alle Tänze tanzen im Reigen

 

Und ob du das wirst tun,

 

derweil kann ich gut ruhn.

 

Damit wollte er den Alb bannen und indem er ihn vor eine unmögliche Aufgabe stellte, beruhigt weiterschlafen, während dieser seine Aufträge zu erledigen versuchte. Doch die gegenwärtigen Zeiten sind neu und verlangen mehr als nur so einen plumpen Trick.

 

Meinen inneren Körper spüren? Wie geht das?  fragte sich Jannik Janson und spürte ein Kribbeln in seinen Trollhänden. Er begann sofort, sich darauf zu konzentrieren. Da war eine besondere Energie und Lebendigkeit in seinen Händen und verstärkte das Gefühl. Dann wanderte seine Aufmerksamkeit zu den Füßen. Er spürte in seinen Händen und in seinen Füßen eine unglaublich starke Lebensenergie. Seinen inneren Körper. So nahm er allmählich weitere Körperteile wahr: Beine, Arme, Unterkörper, Oberkörper und so weiter. Dem Alb blieb nichts anderes übrig, als von ihm abzulassen.

Hier gibt es nichts Interessantes mehr für mich. sprach er mit verärgerter Stimme und machte sich vom Acker. Vor dem morgendlichen Übergang von der Dunkelheit der Nacht zur Helligkeit des Tages, erwachte Jannik Janson auf der Wiese und spürte, wie ihm der Schädel vom Honigschnaps brummte. Die Erinnerung an den Alb war noch lebendig, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er an die letzten Stunden seiner Nachtruhe dachte. Wie sehr er sich sein gemütliches, warmes Bett herbei sehnte, in seiner kleinen Trollhütte im Wald. Endlich setzte er sich auf und warf einen Blick in den leicht bewölkten Himmel, der ihm sein morgendliches Farbenspiel von blau bis violett, und von rot bis orange zeigte. Die Schafe blökten, ein paar Singvögel zwitscherten munter ihre Lieder und die frische Luft strich ihm mit einem leichten Wind um die knubbelige Trollnase. Was für merkwürdige Begebenheiten, dachte er für sich selbst und betrachtete für eine Weile das abgebrannte Feuer vor seinen Füßen. Von den Kobolden war nichts zu sehen oder zu hören. Er begann damit, den Thingplatz aufzuräumen. Er trug die Steine zurück zum Mäuerchen, kehrte die Asche mit ein paar Zweigen in die Wiese, ordnete sein Wanderbündel und versorgte am Ende noch seine kleinen Wehwehchen mit einer seiner Kräutersalben. Sogar den Kopf schmierte er sich damit ein, in der Hoffnung, dass er sich hernach nicht mehr so schwer und leer anfühlte.

 

Sein Frühstück bestand aus Beeren, Kräutern und ein paar Schönfußröhrlingen, einem löwengelben Dachpilz und Goldtäublingen. Das lebendige Gefühl in seinem Körper war immer noch spürbar, und er erinnerte sich an sein Versprechen an die Kobolde. Einen Raben zu finden sollte nicht überwiegend schwer sein, aber womit konnte er so ein Tier dazu bringen, ihm einen Gefallen zu tun? Sein Gefühl sagte ihm, dass es sich schon irgendwie lösen lassen würde, wenn es den so weit sei. Obschon es fast schonwieder so warm wie am Vortag war, zogen mehr und mehr Wolken auf die Regen versprachen. Wenn er weiterkommen wollte musste er sich beeilen. Er kletterte eine steile Böschung hinunter und verschwand zwischen dicken Bäumen. Den Ulvik Fjord wollte er nun noch weiter links hinter sich lassen und durch ein Waldstück Richtung Süden wandern. So schlug er sich eine ganze Stunde durch unwegsames Waldgelände und gelangte in die Nähe der Hardangerbrücke, eine der längsten Hängebrücken der Welt. Die Brücke führte über den Eidfjord und war zwar zu Fuß gut überquerbar. Doch war der Troll bei weitem nicht der Einzige. Viele Menschen tummelten sich auf der Brücke und in deren nächsten Umgebung, genossen die Aussicht auf die herrliche Fjordlandschaft oder die Bauweise an sich, rasteten auf einem Parkplatz, fuhren mit Fahrrädern, Mopeds und Motorrädern von einer Richtung zur anderen. Fähren gehörten ebenso zu jenem Bild, und diese stellen generell oft die einzig sinnvolle Verbindung über so einen Fjord dar, den die Menschen sonst mit stundenlangen Umwegen umfahren müssten. Der Tunnel ist für die Autofahrer da, und muss mit einer Maut bezahlt werden. Er ist blau beleuchtet und verbirgt in seinem inneren sogar einen Kreisverkehr.

 

Für den Troll war es an der Zeit, sich als kleines Männlein zu verkleiden und dafür band er seinen Trollschwanz hinten hoch, warf sich einen dunkelbraunen leichten Umhang über und zog seinen Hut noch tiefer in sein zerfurchtes Gesicht. Der Wind frischte etwas auf und vereinzelt waren die ersten Regentropfen zu spüren. Jannik Janson klopfte das Herz wild gegen seine Brust, denn er wollte so schnell als möglich über die Brücke an die andere Uferseite gelangen. Der einsetzende Regen führte dazu, dass die meisten Menschen rasch ihre Sachen zusammenpackten, in ihren Autos verschwanden oder mit ihren Fahrrädern einen Zahn zulegten. Jannik Janson blieb für einen Augenblick stehen und beobachtete, wie eine Frau ihre kleine Tochter auf die Schultern setzte und mit ihr im Laufschritt davon rannte. Als ob sie aus Zucker wären. ertönte plötzlich eine Stimme, und es war nicht seine gewohnte innere Stimme. Der Troll blickte zur Seite und sah ziemlich behaarte, muskulöse Waden und Oberschenkel. Sein Blick führte weiter nach oben, und während ihm ein paar Regentropfen ins Gesicht fielen, sprach die tief männliche Stimme des Weiteren: O Mann. Was so ein bisschen Regen schon ausmacht? Die Menschen sind doch richtige Weicheier geworden, nicht wahr? Was würde wohl ein Wikinger dazu sagen, wenn er das sehen könnte? Man kann sich nur ansatzweise vorstellen, was diese Männer auf der offenen See in ihren Drachenbooten aushalten mussten.

 

Jannik Janson hatte seinen Mund weit offen. Neben ihm stand ein großer, gut gebauter, vollbärtiger Mann mittleren Alters, redete mit ihm, beobachtete genauso wie er die Menschen im Regen und nahm zwischendurch ein paar Schlucke von seinem Sportgetränk. Sein Fahrrad stand genau neben ihm. O schauen Sie mal, diese junge Frau da drüben sieht aber richtig hübsch aus. meinte er ganz beiläufig und starrte ihr hinterher, doch Jannik Janson interessierte sich überhaupt nicht für irgendeine Frau. Seine Gedanken galten einzig und allein seiner eigenen, uralten Geschichte, welche er jemanden zu erzählen gedachte, der gerade nichts Besseres zu tun hatte. War womöglich jetzt schon der Zeitpunkt dafür gekommen? Der Kerl wirkte durchaus so, als hätte er gerade nichts Besseres zu tun, und so machte sich der Troll große Hoffnungen und wurde etwas nervös. Er räusperte sich und antwortete mit etwas verlegenem Tonfall:

Ja, ja. Sehr hübsche Frauen in Norwegen, nicht wahr? Der Mann grinste wohlwissend und sprach: Ja. Manche treffen meinen Geschmack sehr. Sehen richtig gut aus. Im Grunde fand der Troll reine Äußerlichkeiten stink langweilig. Die Mischung samt Charakter machte es aus.

Schließlich warf der Mann einen etwas genaueren Blick auf den Troll und stellte dabei fest: Aber Sie sehen ganz und garnicht gut aus. Was haben sie gemacht? Sich gestern die Hucke voll gesoffen?

 

Der Troll lief knallrot an und antwortete stotternd: Nun, ähm, ja. Nein. Das heißt doch ja, ach, wissen Sie, das ist so ein Ding mit meinen Koboldfreunden, die können einfach nicht genug bekommen.

Der Mann musste lauthals lachen und nickte eifrig und zustimmend.

Ja sowas kenne ich nur zu gut. Die meisten meiner Freunde sind auch so richtige Trunkenkobolde...ähm, ich meine Bolde... Entschuldigen Sie, aber sagten sie Kobolde?

Jannik Janson schüttelte seinen Kopf und lenkte die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema. Sind Sie auf der Durchreise?  fragte er, und der Mann antwortete: Ja das kann man so sagen. Ich mache eine ziemlich geniale biketour. Aber das Wetter schaut mies aus. Schade. Die nächsten Tage ist Schlechtwetter angesagt, da kann man nichts machen. Aber ich bin zum Glück nicht so ein Weichei. Ein bisschen Regen schadet meiner Tour und meiner guten Laune ganz und garnicht.

 

Interessieren Sie sich für die Geschichte der Wikinger? fragte der Troll als nächstes, und der Mann antwortete: Ja, durchaus.. Fällt in meinen Hobbybereich. Warum fragen Sie?

 

Dann kennen Sie bestimmt Snorri Sturlusons Geschichten. Er hat schon einigen interessanten Erzählstoff niedergeschrieben, der alte Haudegen. Und die historischen Funde hier in Norwegen sind beeindruckend! Doch ich denke, das einige Geschichtsbücher völlig neu geschrieben werden würden, wenn die Menschen nur ansatzweise wüssten, was die alten Mythen, Schulen und  Überlieferungen in Wahrheit zu sagen haben. Und worauf das Ganze noch zurückzuführen ist.

Jannik Janson musste ein bisschen schmunzeln, dann lachte er herzhaft. Und immer wenn ein Troll lacht, hört sich das ein wenig krächzend an.

Ja selbstverständlich kenne ich ein paar Geschichten. Aber sagen Sie, sie haben sich wohl ein bisschen verkühlt bei dem Wetter? erkundigte sich der Mann. Och, das kommt wohl eher davon, dass ich gestern mit meinen Freunden etwas zu tief in die Flasche geschaut habe. Die krächzende Stimme ist aber garnicht so schlecht, um einen Raben zu einem kleinen Gefallen zu überreden.

 

Wie meinen Sie? Einen Raben zu einem Gefallen überreden? Aber wie den? Und vor allem warum?

 

Jannik Janson ohrfeigte sich in Gedanken selbst. Hör auf damit soviel herum zu schwatzen. ermahnte ihn nun auch noch seine innere Stimme. Konzentrier dich und frag ihn, ob er an deiner Geschichte interessiert ist. Irgendwie scheint das ja der richtige Typ dafür zu sein.

 

Ja, ja. Schon gut ich weiß, ich mach ja schon! flüsterte Jannik Janson seiner inneren Stimme zu, dann wandte er sich wieder an den Mann und sprach: Was halten Sie eigentlich davon, wenn ich Sie bei dem Wetter auf ein kleines Bier einlade? Derzeit kommen Sie bei dem Regen sowieso nicht gut voran. Wie es mir scheint, haben Sie gerade nichts Besseres zu tun! Sie könnten sich genausogut ein paar alte Wikingergeschichten von mir anhören. Ich kenne nämlich hunderte davon. Lebe quasi davon...ähm, ich meinte damit. Nein, ich kann damit leben. Mittlerweile, meine ich. Der Troll geriet abermals ins Stottern.

 

Der Mann hielt seinen Blick gebannt auf Jannik Janson und überlegte einen kleinen Moment, bevor er antworete: Nun ja, es regnet. Aber wie bereits erwähnt, stört mich das nicht sonderlich viel. Herzlichen Dank für Ihr nettes Angebot, doch ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Ich will nicht behaupten, dass ich etwas Besseres zu tun habe als Ihren Geschichten zuzuhören. Aber mich erwartet jemand und diejenige möchte ich nicht warten lassen, wenn Sie verstehen was ich meine.

Er zwinkerte dem Troll zu. Jannik Janson seufzte und wünschte dem Mann Alles Gute, und so verabschiedeten sie sich sehr freundlich voneinander. Kurze Zeit danach war er auf seinem Fahrrad verschwunden.

Du hättest es wenigstens versuchen können, ihn dazu zu überreden. stellte die innere Stimme fest, doch Jannik Janson widersprach ihr. Nein, er hätte mir doch nur mit einem halben Ohr zugehört. Ich erwische schon noch einen Menschen, der gerade wirklich nichts Besseres zu tun hat.

 

Da muss ich dir natürlich Recht geben. Nun gut, dann sieh zu, dass auch du wieder gut voran kommst. sprach die innere Stimme höchst motivierend. Gesagt, getan. Und so überquerte der Troll pitsch patsch nass die Hardangerbrücke, und als er auf der anderen Seite ankam, stellte er sich auf einem Parkplatz unter das Dach einer Toilettenanlage. Er begann am ganzen Leib zu zittern, doch der Regen wollte nicht aufhören. Bis nach Eidfjord war es nicht mehr weit. Er überlegte allen Ernstens, ob er nicht per Anhalter mit einem Auto dort hin fahren sollte. Schließlich hatte ihn der Mann mit dem Fahrrad auch nicht als das erkannt, was er wirklich war, und mit dem Auto würde es nur mehr 20 Minuten dauern. Seine innere Stimme redete ihm wiedermal dagegen.

Ach, nun komm schon! Dieses kleine Stückchen schaffst du auch noch zu Fuß! Nimm dir ein Beispiel an dem Mann mit dem Fahrrad. Wenn es um etwas geht, dass ihn wirklich interessiert, spielt auch der Regen keine Rolle.

 

Nur das ich ein uralter, buckliger Troll auf zwei schmerzenden Beinen bin und meine Interessen von ganz anderer Natur sind. Ich bin erst seit kurzem auf Wanderschaft und prompt stellte mich der Craic auf die Probe. Ich bin wahrhaftig alt und müde. gab der Troll zum Besten, und wollte lediglich seine derzeitige Situation auf den Punkt bringen.

 

Es sind deine negativen Gedanken, die dich alt und müde machen. Die Kobolde haben dir Bärenkräfte gewünscht! Sie verlassen sich darauf, dass du ihnen einen neuen Raben besorgst. Dem begegnest du nicht in einem Auto, sondern im Wald. Und du wirst, wie du selbst schon festgestellt hast, sehr bald schon jemanden finden, der nichts Besseres zu tun hat, als deinen uralten Geschichten zu lauschen. Genug Gründe, um jetzt aufzubrechen und deine Reise zu Fuß fortzusetzen. Du hast dich bisher sehr gut bewährt, mein lieber Jannik! Du kannst stolz auf dich sein!

 

Das stinkt doch zum Himmel! rief der Troll plötzlich aus, ohne das ein Funken Zorn in seinen Worten lag.

 

Natürlich stinkt es zum Himmel. entgegnete die innere Stimme gelassen. Du stehst ja auch unter dem Dach einer Toilettenanlage!

 

Nein, nein. Der menschliche Dreck interessiert hier doch niemanden! Ich meine den mächtigen Bärenhaufen, der dort drüben vor den Mülltonnen feucht fröhlich vor sich hin stinkt! erklärte der Troll, und die innere Stimme schwieg, um ihn nachsehen zu lassen. Tatsächlich. Vor ein paar Restmülltonnen lag der Haufen und flösste dem Troll gehörigen Respekt ein.

 

Haha! Von wegen Bärenkräfte! Wenn hier nicht ein Meister Petz in der Gegend seine Spuren hinterlässt, dann weiß ich auch nicht weiter! rief Jannik Janson voller Begeisterung.

 

G.W. 2018 Fortsetzung folgt!